Zusammenarbeit von Eltern mit Fachpersonen in der Frühförderung

ein Beitrag für Eltern von Katharina Bieber und Christina Koch
erschienen in der Deutschen Behinderten-Zeitschrift 1+2/2001

1. Teil

Katharina Bieber

Im Folgenden wird dargestellt, dass Eltern und Fachpersonen, wenn sie sich zur Zusammenarbeit in der Frühförderung treffen, aus verschiedenen Lebenswelten kommen. Sie haben unterschiedliche Sichtweisen des behinderten Kindes und verschiedene Aufgaben in der Erziehung und Förderung des Kindes. Es wird die Ansicht vertreten, dass es der Zusammenarbeit dient, wenn erst das prägnant Andere der jeweiligen Standpunkte herausgehoben wird.

Statt eines Gespräches

Wenn ich über Zusammenarbeit von Eltern und Fachpersonen in der Frühförderung einen Beitrag für Sie als Eltern schreibe, soll dies Ersatz sein für ein Gespräch, das ich führen möchte. In diesem Sinne wende ich mich im Folgenden in einer persönlichen Form an Sie.

Ich schreibe als Mutter, als Familientherapeutin und als Fachperson der Frühförderung, die Frühförderinnen für die Zusammenarbeit mit Eltern aus- und weiterbildet.

Während sechs Jahren arbeitete ich in der Frühförderung. Mütter und Väter waren für mich wichtige Lehrmeisterinnen und Lehrmeister. Ihnen verdanke ich viel. Durch meine eigene Mutterschaft habe ich gelernt und bin immer noch am Lernen. Ich weiss, wie tief sowohl gute, wie schwierige Erlebnisse mit den eigenen Kindern treffen und fühle mich dadurch den Eltern verbunden.

Eltern und ihr besonderes Kind

Sie sind Vater oder Mutter eines "behinderten" oder "entwicklungsauffälligen" Kindes. Wenn ich Sie als betroffene Eltern anspreche, setze ich die beiden Wörter "behindert" und "entwicklungsauffällig" in Anführungs- und Schlusszeichen. Eltern brauchen diese Wörter selten und wenn, dann wahrscheinlich ungern. Sie haben ein Kind, ein Mädchen oder einen Jungen, ein Kind, welches in seiner Eigenart einmalig und einzigartig ist. Schon vor der Geburt nehmen Sie als Eltern mit diesem individuellen Wesen Kontakt auf. Sie spüren seine Ruhe, seine Wachheit. Sie kümmern sich um es, sprechen mit ihm und achten auf sein körperliches und seelisches Dasein.

Nach der Geburt oder später drängen sich dann Wörter wie "behindert", "nicht normal", "Down Syndrom" oder ähnliches auf. Zeitweise werden sie vielleicht sogar zu Schreckgespenstern, decken das Kind, das da lebt, zu und verhindern, dass es so wahrgenommen werden kann, wie es ihm entspricht.

Auch andere Bilder und Wörter tauchen auf: solche, die der Angst entstammen, dem Leid und der Verzweiflung. Und doch versuchen Eltern immer wieder neu, hinter diesen zuordnenden, die Behinderung benennenden Bildern und Wörtern, das Kind zu suchen, welches ihr Kind ist. Es gelingt ihnen immer wieder, das Atmen, das Schauen und das Lächeln dieses Kindes als "seinen Ausdruck in der Welt zu sein" zu erkennen. Und meistens gelingt es ihnen, das Besondere im Sinne einer negativen Bewertung zurückzustellen und das Besondere in seiner Ganzheit zu erfassen, als das, was dieses Kind ausmacht.

Für Eltern meint deshalb der in der Einleitung erwähnte Begriff "besonderes Kind" vor allem, dass es dieses Kind zu erkennen gilt, im Sinne der Einzigartigkeit dieses Wesens - und er hat nur am Rande die Bedeutung, dass sich etwas von der sogenannten Norm abhebt, besonders auffällig ist und behindert.

Irgendwann einmal in diesem Prozess treten Eltern mit Fachpersonen in Kontakt. Zur familiären privaten Welt stösst eine andere, jene der Arbeit, der Leistung, des Sozial- und Erziehungswesens und der rehabilitierenden Medizin. Auch diese Personen wollen das Beste für dieses eine Kind. Auch sie wollen es nicht einfach über seine Behinderung oder Auffälligkeit wahrnehmen. Und doch gibt es neben allen möglichen Gemeinsamkeiten auch Unterschiede. Sie ergeben sich aus den Strukturen unserer Gesellschaft und aus den unterschiedlichen Aufgaben, die Fachpersonen und Eltern haben.

Frühförderinnen und entwicklungsauffällige und behinderte Kinder

In diesem Zusammenhang ist es nicht mehr zutreffend, von "besonderen" Kindern zu sprechen. Fachpersonen der Frühförderung haben von der Gesellschaft den Auftrag, das behinderte, das entwicklungsgefährdete oder entwicklungsauffällige Kind zu fördern und die Eltern in ihrer Erziehungsaufgabe zu unterstützen.

Bevor die Förderung beginnt, wird eine Abklärung darüber benötigt, was bei diesem Kind anders ist als bei anderen Kindern seines Alters. Und damit beginnt der schmerzliche Prozess des Vergleichens und Einordnens. Die verschiedenen Sichtweisen zwischen Fachpersonen und Eltern werden offensichtlich. Mit Hilfe dieser Abklärung wird ein Kind durch Benennung und Bezeichnungen einer Gruppe von Kindern zugeordnet. Oft können Fachpersonen das Kind und die Eltern nur dann begleiten, wenn das Kind entwicklungsauffällig oder im öffentlichen Leben behindert ist. Es wird zum Risikokind, erhält eine andere Zuordnung oder es wird festgestellt, dass es keiner besonderen Förderung bedarf. Die Fachperson ist von einer ausserhalb der Familie stehenden Institution angestellt und übernimmt von dort einen Auftrag. Wie sie ihn gestaltet oder erfüllt, hängt von ihrer Ausbildung ab, vom Verständnis, das sie vom Menschsein und von Behinderung hat, weiter von den Vorgaben der Institution, in der sie arbeitet. Im Wesentlichen wird der Auftrag jedoch durch die Zusammenarbeit mit Ihnen als Eltern bestimmt. Indem Fachpersonen mit Eltern in Kontakt treten, bringen sie von den Eltern oft als schwierig empfundene Anforderungen mit: das Einordnen des Kindes in die Gruppe der besonderen, behinderten oder auffälligen Kinder und die Zuordnung in ein Erziehungs- und Bildungssystem, das oft mehr oder weniger stark von der Regelschuld getrennt ist. Sie bringen neben dieser Aussensicht auf das behinderte Kind auch ein grosses Verständnis, Wissen und Liebe mit, all das jedoch in anderer Form als jene der Eltern. Sie sehen in diesem Kind meist andere Möglichkeiten und Grenzen. Sie lassen sich auf eine von ihrem Verständnis und ihrer Aufgabe geprägten Art mit den Eltern und mit dem Kind zusammen auf Erziehung und Förderung ein. Fachpersonen in der Frühförderung sind dadurch eine Art Bindeglied. Sie stehen mit einem Fuss sozusagen im Innenraum einer Familie, mit deren Normen und Werten, und mit dem andern stehen sie in der Gesellschaft, im öffentlichen Schul- und Erziehungsraum, dessen Vorgaben sie auch verpflichtet sind. Weder ihre Haltung in der Familie kann ganz jener der Eltern entsprechen, noch jene in der Gesellschaft, in die sie das Kind einzuordnen haben. Sie sind immer auch hin und hergezogen, beiden Welten verpflichtet.

Damit sind die voneinander abweichenden Ausgangslagen von Eltern und Fachpersonen skizziert.

Sie als Eltern haben sich nun mit der Fachperson als Partner, als andere Partei, oder einfach als Person mit einer anderen Ausgangssituation zusammenzusetzen und die Fachperson mit Ihnen. Beide Teile suchen gemeinsam nach Wegen und Zielen für das Kind und dafür, dass das Kind in einem Umfeld aufwachsen kann, in dem seine Fähigkeiten gefördert werden und seine Behinderungen und Grenzen als Teil seiner einzigartigen Persönlichkeit anerkannt werden. Keine der beiden Parteien hat dabei Anrecht auf die "richtige" Wahrheit. Die eine hat eine engere Bindung, eine grössere Betroffenheit, die andere neben ihrem fachlichen und persönlichen Engagement einen etwas distanzierteren Blick und fachliches Wissen.

 

2. Teil

Christina Koch

Was aber geschieht, wenn Eltern und Fachpersonen nun tatsächlich mit ihren Voraussetzungen und Ansichten aufeinander treffen? Wie kann die kommende Begegnung für alle Beteiligten und für das Kind an Sinn gewinnen?

Es gibt Situationen, in denen man sich schnell einig ist. Ein Wort gibt das andere, verständnisvolles Kopfnicken, zufriedene Gesichter.

Manchmal aber fällt man sich gegenseitig ins Wort, ballt unter dem Tisch die Fäuste und möchte am liebsten herausrennen aus dieser Diskussion, die ja doch kein gutes Ende finden wird. In solchen Situationen werden keine Gedanken daran verschwendet, was für Voraussetzungen das Gegenüber mitbringt und welche Ziele er verfolgt. Was zählt, ist nur noch der Wunsch, die eigene Meinung durchzubringen und sich nicht dem anderen unterzuordnen, sich nicht dessen Vorstellungen zu fügen.

Es braucht schon ein bisschen Mut, die Differenzen zuerst offen für alle ersichtlich auf den Tisch zu legen, anstatt Unstimmigkeiten erst gar nicht aufkommen zu lassen. Das Bewusstsein, die eigene, eventuell vom anderen abweichende Meinung laut vertreten zu können und zu wissen, dass man deshalb weder ausgelacht, noch gleich angegriffen wird, ermöglicht eine eigene Offenheit gegenüber den Gedanken des andern. Diese Transparenz ebnet den Weg zum Gelingen einer echten Zusammenarbeit.

Was können Fachleute dazu beitragen, dass es nicht zu einer solchen Konfrontation kommt? Was können Sie als Eltern dazu beitragen, dass von einer echten Zusammenarbeit gesprochen werden kann?

Die Fachperson kann z.B. schon im Voraus, wenn sie den Termin mit den Eltern vereinbart, kurz das Thema, die Dauer und die Vorgehensweise mit den Eltern besprechen. Sie kann Sie bitten, sich darüber klar zu werden, was ihnen dabei wichtig ist, was sie dazu denken. Den Eltern wird somit bewusster, was auf sie zukommt und sie müssen sich nicht so überrumpelt vorkommen.

"Frau M., ich möchte noch einen Termin mit Ihnen und Ihrem Mann abmachen, um einmal in Ruhe darüber zu sprechen, in welche Schule R. ab dem Sommer gehen kann. Ich möchte mit Ihnen eine gewisse Zeit ungestört reden. Dann können wir unsere Gedanken und Vorstellungen darüber austauschen. Ich kann Ihnen die Möglichkeiten nochmal genau erklären. Natürlich versuche ich Ihnen meinen Standpunkt näher zu bringen, ich habe aber nicht vor, Ihnen den meinen einfach überzustülpen, sondern bin genauso an Ihrer Meinung interessiert. Könnten Sie sich bitte bis dahin überlegen, was Ihnen für Sie selbst und Ihr Kind besonders wichtig ist. "

Den Eltern muss klar sein, dass die Fachperson nicht einfach ihr Konzept durchsetzen will, sondern dass die Meinung der Eltern ebenso wichtig ist, und sie diese aktiv einbringen können.

In den Arbeitsbündnissen von Katharina Bieber, die speziell für eine solche Zusammenarbeit entwickelt wurden, orientiert man sich an einem ganz konkreten Vorgehen.

1. Zunächst haben beide, Eltern und Fachpersonen, nacheinander Zeit, ihren Standpunkt, ihre Bedenken und Gefühle auszusprechen. Dabei kann das Gegenüber bei konkreten Verständnisschwierigkeiten nachfragen, sollte ansonsten aber möglichst offen, d.h. ohne im Moment an die eigenen Ziele zu denken und konzentriert zuhören. (Das hört sich einfacher an, als es ist. Jeder will möglichst schnell zu einer Lösung kommen und bringt die eigenen Ideen oder Ratschläge mit ein, anstatt den anderen wirklich aussprechen zu lassen und ihn wirklich verstehen zu wollen.)

2. Nun kommt die Fachperson dran und legt ihren Standpunkt dar. Jetzt sind die Eltern dran, dem anderen mit allen Sinnen zuzuhören, mit dessen Bedenken und Ängsten. Wieder ist Zeit für Verständnisfragen, nicht aber für Diskussionen.

3. Jetzt folgt der schwierigste Teil: das Zusammenbringen der beiden Meinungen und Vorschläge. Was denken die anderen über die eigene Meinung? Wie verschieden sind die Meinungen wirklich? Welche Ideen sind durchsetzbar? Wo ist ein Weg, der eingeschlagen werden kann, so dass beide Seiten für das Kind das wollen, worauf sie sich einigen können.

Aus einem Brief einer Frühförderin:

"Ich komme gerade von einem sehr guten Elterngespräch. Es ging um die Einschulung in den Kindergarten. Das Gespräch verlief - möchte ich mal behaupten - im Sinne der Arbeitsbündnisse lehrbuchmässig. Am Ende fragte mich die Mutter, die sich während des ganzen Gesprächs zunehmend entspannte, ob ich ihr mal ganz ehrlich sagen könnte, was ich auf der Herfahrt zum Gespräch für ein Ziel gehabt hätte. Mein Ziel war, sagte ich ihr, dass ich ihnen, beiden Eltern, meine Sicht über ihren Jungen darlegen wollte und mit ihnen nach einem gangbaren Weg für den Jungen suchen wollte. Nicht mehr und nicht weniger ... Nun scheint mir fast, als seien Sie enttäuscht? - Nein, enttäuscht sei sie keineswegs, aber darauf sei sie nicht vorbereitet gewesen. Vorbereitet war sie auf "Jetzt kommt's, jetzt kommt sie mit dem Sonderkindergarten" und sie sei schon die ganze Woche auf Konfrontation gewappnet gewesen. Dabei habe sie heute Abend selbst einige öffnende Schritte entwickelt..." (E.R., Früherzieherin)

Nicht immer geht es so harmonisch zu, nicht immer sind sich Eltern bewusst, dass Fachleute Zielsetzungen haben können, gegen die man gewappnet sein muss. Nicht immer werden in einem Gespräch Lösungen gefunden und konkrete weitere Schritte verabredet. Manchmal braucht es mehrere Gespräche über eine längere Zeit hinweg, um sich näher zu kommen, sich zu verstehen, die zufriedenstellende Möglichkeit zu finden. Gute Gespräche bewirken Entwicklungsprozesse auf beiden Seiten, aus denen eine neue Offenheit und die Möglichkeit kreativen Denkens entsteht.

Es kann jedoch auch sein, dass sich die beiden Parteien gar nicht, auch nicht in einem kleinen Bereich einigen können. Dann wird bei den Arbeitsbündnissen zumindest in gemeinsamer Absprache auf eine Zusammenarbeit verzichtet.

Aus der Unterschiedlichkeit zum Gemeinsamen zu finden, d.h. zuerst das andere und Fremde zur Kenntnis zu nehmen, fällt jedoch weder den Fachpersonen, noch den Eltern leicht, weil es immer wieder schwierig ist, nicht die eigene Sicht der Dinge als die Richtige und die Beste zu verstehen.

 

3. Teil

Ist Zusammenarbeit lernbar?

Eine Fachperson erzählt.

Nach meiner Ausbildung als Heilpädagogin arbeitete ich auf einer Wohngruppe für mehrfachbehinderte Kinder und stand wöchentlich (montags, wenn die Kinder von ihren Eltern gebracht wurden) sowie in halbjährlichen Treffen zur weitergehenden Planung und Förderung des Kindes den Eltern gegenüber. Unter der Tür wurde schnell das Nötigste vom vorangehenden Wochenende und für die kommende Woche ausgetauscht. Selten blieb Zeit für längere Gespräche. Wenn die Eltern mich abends in der Nachtwache zu erreichen versuchten, war ich meistens so unter Druck, nach den Kindern zu sehen, dass ich mich gar nicht richtig auf das Telefongespräch konzentrieren konnte. Rief ich bei den Eltern an, ging es grösstenteils um konkrete Fragen nach Arztbesuchen oder Organisatorischem (wer packt was ein fürs Lager?). Waren die Aufgaben wieder klar verteilt, hatte ich das Gefühl, gut organisiert zu haben, alles im Griff zu haben.

Ob die Eltern das wohl auch hatten?

Seit einiger Zeit arbeite ich in der Frühförderung und begegne nun tagtäglich Eltern, deren Kinder ich betreue. In dieser Arbeit wird die "Elternarbeit", also die Zusammenarbeit mit Eltern, gross geschrieben. Inhaltlich wird man darauf verwiesen, den Eltern zu helfen, mit der erschwerten Situation besser klarzukommen.

Was heisst das, den Eltern zu "helfen"? Sie beraten, informieren, Ihnen zu zeigen, wie sie ihr Kind bestmöglich fördern, mit Ihnen den Alltag planen, beim Kaffee trinken über die neusten Erziehungsratgeber reden, Ihnen die Betreuung der Kinder für eine Stunde erleichtern?

Anfangs war der Auftrag klar. Ich sollte mein fachliches Wissen an die Eltern weitergeben. Wenn die Eltern nicht mehr weiter wussten oder Probleme äusserten, dann preschte ich los. Gutgemeint erteilte ich Ratschläge, erwägte mögliche Erziehungshilfen, stellte Pläne mit den Eltern auf. Wenn diese halfen, waren wir stolz und ein Grundstock für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit war gelegt. Die Eltern hatten mich gefragt, ich hatte eine Antwort, die wiederum eine Wirkung erzielte. Ein klarer geradliniger, erfolgreicher Weg, dessen Ergebnis mich befriedigte. Ich fühlte mich als Helferin, als gute Stütze.

Und was war, wenn die Antwort nicht die passende gewesen war? Wenn kein Erfolg sichtbar wurde? Manchmal suchte ich nach immer neuen Lösungen, manchmal wurde das Problem unter den Tisch gekehrt und insgeheim hofften alle, es würde sich von alleine "beheben", manchmal waren die Eltern enttäuscht und zogen sich vor mir zurück und ich hatte das Gefühl, fachlich versagt zu haben. Es tat mir unendlich leid, wenn eine Mutter in Tränen ausbrach, weil ihr alles zu viel wurde. Meine Gedanken drehten sich dann im Kreis: Was kann man tun? (erstens, zweitens,...) Was hätte ich vorher besser machen können? Kann ich überhaupt helfen? Wenn ich dann keine Lösungsmöglichkeiten hervorzaubern konnte, fühlte ich mich deprimiert und war somit eben dieser Mutter überhaupt keine Hilfe mehr. Das Gefühl, auf der Stelle zu treten, erfasste mich.

Um es auf den Punkt zu bringen: Der sichtbare Erfolg im Zusammenhang mit der Förderung und Erziehung der Kinder stellte für mich eine gute Zusammenarbeit mit den Eltern dar.

Ich finde es immer noch schön, Fortschritte und kleine Erfolge von den Kindern mit ihren Eltern zu feiern. Einiges in meiner Einstellung Eltern gegenüber hat sich aber verändert.

Unterdessen habe ich Weiterbildungen zum Thema Zusammenarbeit gemacht, die mir helfen, nicht immer nur Grosses zu erwarten und somit die Eltern, Kinder und mich unter Erfolgsdruck zu setzen, sondern auch nur mal zuzuhören.

Ein Erlebnis mit der Nachbarstochter und ihrer Mutter brachte mich erneut ins Grübeln: Die Tochter war gerade vierzehn und im schönsten Pubertätsaufstand. Die Fetzen flogen nur noch so. Irgendwann rief die Mutter ganz ausser sich: "Ja aber begreifst du denn nicht, dass ich nur dein Bestes will?!". Die Tochter schmiss die Tür ihres Zimmers zu. Dann kam sie wieder heraus: "...und wann begreifst du, dass dein Bestes nicht immer gleich mein Bestes ist?"

Immer wieder sehe ich das pubertierende Mädchen und seine Mutter vor mir. Sie schrien sich an und konnten doch nicht Ohr beim anderen finden. Beide waren in der Vorstellung über das eigene Unrecht so gefangen, dass sie einander gar nicht mehr zuhören konnten.

Bei mir ging es mit den Eltern wohl nicht so lautstark zu und her, dennoch - liess ich mich nicht auch von meinen Ideen hinreissen, so dass ich nicht mehr auf die Wünsche und Vorstellungen der Eltern achten konnte? Wusste ich nicht auch, was für ihre Situation genau das Beste war? Hatte ich wirklich das Recht, ihnen ständig Ratschläge zu geben, wie sie es besser machen könnten?

In diesem Moment wurde mir - ohne Mitleid, ohne vermeintliche Besserwisserei - bewusst, wie unendlich stark diese Eltern sein müssen und wie schwer es sein muss, ständig zu überlegen, was man besser machen könnte.

Dieses stete Drängen (der Fachpersonen, sowie der Eltern) nach "mehr" und "besser", nach "Wissen" und "Können" ist doch nur die Hülle jenes innersten Kerns, dem Wunsch nach Achtung, Anerkennung, und Angenommensein.

Seitdem ich mir dessen bewusster bin, versuche ich, nicht mehr so häufig Ratschläge, die wie Belehrungen scheinen können, in den Raum zu werfen und die Eltern in ihrer Aufgabe als "Ausführende" zu bestärken. Die Meinungen und Wünsche der Eltern sind mir wichtiger geworden. Auch wenn ich mich darauf einlasse, mich dafür interessiere, habe ich nicht Angst davor, unprofessionell zu handeln oder mich dahinter zu verstecken, dass ich nicht mehr weiterweiss. Und wenn eine Mutter oder ein Vater bei einem Gespräch in Tränen ausbrechen, ist das für mich der grösste Vertrauensbeweis. Dass sich jemand in meiner Gegenwart so wohl fühlt, dass er sich getraut, seine Gefühle zu zeigen, berührt mich. Und diese müssen nicht schnell mit irgendwelchen Ratschlägen wieder zugedeckt werden. Diese Tränen dürfen in diesem Moment einfach nur raus und beachtet werden.

Wenn wir versuchen, mit mehr Interesse, Anteil nehmend, dem anderen zuzuhören, bevor wir unsere Sichtweise darlegen wollen; wenn wir unsere Meinung dem anderen nicht nur aufdrängen wollen, sondern uns verstanden fühlen wollen; wenn wir es schaffen, zusammen auf den Weg zu gehen und den verschiedenen Meinungen auf diesem Weg ihren Platz zugestehen ... dann kann es ein sehr farbenreicher, blumiger Weg werden, der zusammen begehbar wird. Auch dieser Weg hat seine steinigen und steilen Stellen, doch wenn gemeinsam die Verantwortung dafür übernommen werden kann, alle ihre Wanderausrüstung dabei haben und alle gemeinsam in die Karte schauen können, kommt man auch über diese Punkte hinweg.

Als Fachperson muss ich mir immer wieder klar machen, dass die Eltern genausogut besohlte Wanderschuhe anhaben wie ich. Deshalb haben wir aber nicht gleichzeitig auch die gleiche Gangart. Der eine läuft langsamer und sicherer, der andere hüpfend voraus, wieder ein anderer hektisch, der nächste schlurfend. Egal auf welche Weise, jeder geht auf diesem Weg und kommt weiter.

Wenn sich auch die Eltern bewusst sind, dass jeder in diese Zusammenarbeit ein sehenswertes, achtbares und nennenswertes Päckchen miteinbringt und dies auch seinem Gegenüber zugesteht, ohne zu befürchten, das Päckchen des anderen sei gewichtiger, besser oder schöner, dann ist Zusammenarbeit möglich.

Und diese Sicht und Handlungsweise, die Wertschätzung der eigenen wie der anderen Meinungen und Gefühle, ist lernbar; immer wieder neu, immer wieder anders. Vielleicht versuchen Sie es auch wieder einmal ganz bewusst.

Christina Koch

Heilpädagogin am Heilpädagogischen Dienst Solothurn
Schöneggweg 8 CH-3053 Münchenbuchsee

Katharina Bieber

Dozentin und Therapeutin
Grüngli 94, CH-4523 Niederwil

  www.katharina-bieber.ch