Ganz persönlich...

Katharina Bieber

Quelle: Anzeiger, Bezirke Solothurn und Lebern, 2. September 1999


 ... ganz persönlich möchte ich Ihnen die Frage stellen: "Denken Sie, dass es Gruppen von Menschen gibt, die anders sind als Sie?" "Wie anders?", werden Sie vielleicht zurück fragen. Reich, arm, schwarz, weiss, flüchtend, sesshaft, normal, behindert.

Wenn Sie sich selbst beschreiben, suchen Sie Einteilungen und Zuschreibungen, die in einer bestimmten Situation wichtig sind. Sie schreiben z.B.: Frau, verheiratet, Schweizerin, Angestellte. Was würden Sie denken und fühlen bei der Frage, ob Sie normal oder behindert seien. Wahrscheinlich wäre die Frage für Sie eine Zumutung. Dieser Frage und dieser Zumutung haben sich viele Menschen zu stellen.

Wir benennen Dinge und Personen. Mit jedem Namenwort ordnen wir sie einer bestimmten Klasse zu. Im Bereich der Natur ist das für uns Laien einfach, wir kennen Fische und Säugetiere, Herbst- und Frühlingsblumen, Tulpen und Margeriten und wir freuen uns an der Vielfalt der Arten, der Formen und Farben.
Bei der Einteilung von Menschen sind Benennungen und Zuordnungen viel problematischer. Wer macht sie für wen? Zu welchem Zweck? Und wie werden sie benutzt?

In diesem Sommer feiert der Heilpädagogische Dienst Solothurn sein 30-Jahr-Jubiläum. Der Heilpädagogische Dienst ist eine Beratungs- und Behandlungsstelle für behinderte und entwicklungsauffällige Kinder. Kinder werden dort in ihrer Entwicklung und Eltern in ihrer Erziehungsaufgabe unterstützt, eine für Eltern, Kinder, Heilpädagoginnen und Gesellschaft gute und sinnvolle Aufgabe. Und doch fällt den Eltern der Schritt in diesen Dienst schwer.
Dort wird einmal mehr geprüft, ob ihr Kind normal oder behindert ist, ob es in die Normalschule kann oder in eine andere muss. Die Eltern haben Angst, dass ihr Kind von den anderen Kindern im Quartier getrennt wird und dann keinen Kontakt mehr hat. Und diese Angst ist begründet. Sie haben sich wahrscheinlich über Monate und Jahre - freudvoll und leidvoll - immer wieder darum bemüht, ihre Kinder so anzunehmen und zu lieben, wie sie sind und sein können, und zwar jedes einzelne. Sie haben versucht, jedem Kind gerecht zu werden, auch diesem einen. Sie wissen, dass mit dem Schritt an die Öffentlichkeit ihr Kind uns, den sogenannt Normalen, ausgeliefert wird. Sie haben in ihrer Geschichte gelernt, Wörtern wie "normal" und "behindert" nicht zu trauen.
Warum eigentlich?

Mit Wörtern wie behindert oder entwicklungsauffälig fallen immer auch Wertungen zusammen, meistens Abwertungen. Es gelingt uns Menschen oft nicht - wie zum Beispiel bei den Blumen - verschiedene Gruppen von Menschen gleichrangig nebeneinander wahrzunehmen und uns einfach an der Vielfalt menschlicher Erscheinungen zu freuen.

Könnte es nicht für uns alle ein Ziel sein, anzunehmen, dass es verschiedenste Arten von Leben gibt und dass alle davon zu uns und zum Leben gehören?

Vielleicht - und doch ist es im Alltag schwierig, im anderen Menschen nicht den Armen, den Reichen, den Flüchtling, den Bürger oder den Behinderten zu sehen. Die Namen und Zuordnungen - z.B. behindert - drängen sich uns auf und schieben sich wie eine unsichtbare Grenze zwischen uns und die andere Person. Es gibt ein Gegenmittel, das Grenzen abbaut. Es zeigt sich dann, wenn es uns ab und zu gelingt, liebevoll und genau hinzuschauen und nach dem zu suchen, was in den Bewegungen, dem Lachen, dem Lernen und dem Traurigsein der andern Person gleich ist wie bei uns. Wenn uns das gelingt, werden wir vom Leben selbst auf eine Entdeckungsreise mitgenommen und mit der Zeit erhält das Wort Behinderung eine andere Bedeutung.

Ich wünsche Ihnen bei dieser Reise viel Neugier für Ihre eigene Art des Lebens und für die der andern.

Ihre Katharina Bieber
Dozentin und Psychotherapeutin