Arbeitsbündnisse - ein Fachbeitrag für Eltern

Katharina Bieber

Quelle: Jahresbericht Heilpädagogischer Dienst Solothurn 1998
Als Eltern sind Sie Fachperson, Fachperson in der Erziehung Ihrer Kinder. Wenn eines davon "besonders" ist, schwierig, sehr sensibel, eigenartig in seiner Art die Welt zu verstehen, dann sind Sie Fachperson in der Erziehung eines Kindes, das anders ist als viele andere. Innerhalb der Familie lernen Sie mehr oder weniger gut damit umzugehen. Wenn das Kind mit der Welt ausserhalb der Familie in Kontakt kommt, begegnen Sie Heilpädagogen, Ärztinnen, Physiotherapeuten etc., - Fachpersonen, die sich mit dem Lernen und der Entwicklung Ihres Kindes befassen. Mit diesen können und müssen Sie zusammenarbeiten, damit das, was mit dem Kind geschieht, für alle Beteiligten sinnvoll ist.

Diese Zusammenarbeit ist oft schwierig, und häufig ist die Enttäuschung gross, wenn sie nicht gelingt. Warum ist das so?

Es gibt verschiedene Antworten auf diese Frage. Ich führe hier nur zwei an:

1. Wir haben Zusammenarbeit als solche nie richtig gelernt, weder in der Schule noch in der beruflichen Ausbildung. Was wir davon wissen, haben wir uns in der Kindheit und später im Beruf angeeignet. Wenn wir diese Erfahrungen unbedacht wiederholen, sind wir nicht sehr offen für Neues.

2. Häufig haben wir von Zusammenarbeit eine ideale Vorstellung. Sie sollte ohne Reibungen und ohne Auseinandersetzung zwischen den Parteien, in einer Art unausgesprochenem "Wir meinen schon das Gleiche" geschehen. Dahinter steht die Angst vor der Auseinandersetzung. Sie könnte mit einem Streit enden und dann die Zusammenarbeit tatsächlich erschweren oder verunmöglichen.

In den letzten Jahren hat sich im Bereich Zusammenarbeit einiges geändert. Wir sind uns bewusster geworden, dass wir hier zu lernen haben. Mit einem Beispiel, in dem ich die kritischen Punkte ausführlich darlege, möchte ich auf diese neue Haltung hinweisen.

Wenn Sie zum Arzt gehen, sagt er Ihnen nicht mehr einfach, was Sie zu tun und welche Medikamente Sie zu nehmen haben. Im Gespräch zeigt er Ihnen auf, welche Wege es gibt, um wieder gesund zu werden oder weniger Schmerzen zu haben. Sie sagen ihm, welche Vorstellungen Sie von Ihrer Lebensgestaltung haben. Gemeinsam legen Sie dann Wege und Ziele fest.

Sowohl der Arzt als auch Sie wissen, was wichtig ist. Zwei selbständige Personen treffen sich. Jede ist für einen anderen Bereich zuständig. In Achtung und Beachtung dieser Eigenständigkeit bemühen sie sich auf ein sinnvolles Ziel hinzuarbeiten.

Wichtig ist dabei, dass mit möglichst grosser Offenheit auch jene Dinge angesprochen werden, die unangenehm sind. Der Arzt muss Ihnen vielleicht sagen, dass es für dieses Leiden keine vollständige Genesung mehr geben kann. Sie sagen vielleicht, dass Sie unmöglich pro Tag eine Stunde Zeit nur für die Pflege Ihrer Gesundheit aufbringen können.
Das Ansprechen der angenehmen und unangenehmen Dinge führt dazu, dass beide einander besser verstehen lernen. Dass es dabei auch zu Reibungen kommen kann, ist selbstverständlich. Eine Einigung auf ein gemeinsames Ziel braucht auch Auseinandersetzung. Wenn diese gemeinsam durchgestanden ist, wird das gegenseitige Verhältnis besser und die Zusammenarbeit intensiver und vertrauensvoller. Wenn jedoch einer der Partner klein beigibt, oder seine Ansicht mit Macht durchsetzt, geht Vertrauen verloren.

Um die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Fachpersonen klarer und offener zu gestalten, habe ich das Modell der Arbeitsbündnisse entwickelt. Es beinhaltet hauptsächlich drei Schritte:

1. In einem ersten Schritt wird auf eine innere Grundhaltung beider Parteien hingearbeitet. Es ist das Wissen darüber, dass sowohl die Ansicht der Eltern, als auch die Ansicht der Fachperson über Situation und Kind wichtig und gültig sind. Es gibt verschiedene Meinungen und Ansichten, keine ist richtig oder falsch.

2. In einem zweiten Schritt ist es notwendig, dass beide Parteien einander Zeit geben, ihren Standpunkt offen darzulegen und klar zu formulieren. Jede Partei nimmt beide Meinungen zur Kenntnis, die eigene und die fremde, ohne eine davon als unwichtig oder falsch zu bewerten.

3. Auf dieser Grundlage kann dann in einem offenen und fairen Aushandlungsprozess eine Einigung erzielt werden, was gemeinsam getan werden kann und soll.

Dies könnte sich so zeigen:
Die Eltern vermuten, dass das Kind die nächste schulische Hürde nicht schaffen wird. Sie möchten, dass die Therapeutin/Lehrerin strenger ist und das Kind mehr fordert. Die Therapeutin vermutet, dass das Kind überfordert ist und möchte, dass die Eltern ihm mehr Zeit geben würden.
In den Arbeitsbündnissen geht es nun darum, den eigenen Standpunkt klarzulegen und sich den anderen anzuhören. Aufgrund der Kenntnisnahme der beiden Standpunkte könnte folgendes ausgehandelt werden:
Die Eltern verzichten nicht auf ihre Hoffnung für eine Einschulung in die Kleinklasse, sind aber bereit, gewisse Schwierigkeiten des Kindes genauer zu beobachten. Die Therapeutin ist bereit, in gewissen Bereichen grössere Anforderungen zu stellen. Sie formuliert jedoch klar, dass sie mit ihrer Arbeit das Kind nicht "weniger auffällig" oder "weniger behindert" machen kann, sondern nur innerhalb seiner Schwierigkeit lernbereit und entwicklungsfähig.
So entwickeln sich fruchtbare Gespräche und was beide Parteien leisten, kann mit der Zeit Zusammenarbeit genannt werden. Die Ziele nähern sich der Realität des Kindes in Schule und Familie an und sind für alle Beteiligten sinnvoll, auch weil im Laufe des gemeinsamen Lernprozesses immer wieder falsche Illusionen aufgegeben werden können.

Es hat mir Freude gemacht, Ihnen als Eltern diesen Fachbeitrag zu widmen. Ich wünsche Ihnen beim nächsten Zusammentreffen mit einer Fachperson viel Mut, Ihren Standpunkt offen und klar darzulegen - und ebensoviel Mut, denjenigen der Fachperson offen zur Kenntis zu nehmen.

Katharina Bieber, Heilpädagogin, Psychotherapeutin in eigener Praxis 


 
 
 

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